Im Gegenteil: Nach der Bergung stellt sich die spannende Frage: Was lässt sich aus einem Geisternetz machen, aus etlichen Metern Kunststoff, die vielleicht schon Jahrzehnte im Meer getrieben haben?
Die Antwort führt in diesem Jahr nicht nur in die Weiterverarbeitung, sondern auch in die Forschung.
Wieder festen Boden unter den Füßen
Es hat sich an Wracks verfangen, ist durch Salzwasser und Strömung gegangen und hat dabei eine Menge Geschichte gesammelt. Dann wird es geborgen, das Geisternetz. Es wird an Land gebracht, dort vorerst gelagert, bestaunt, fotografiert, dokumentiert.
Und dann?
Dann beginnt für das Geisternetz ein ganz neues Kapitel, denn mit ihrer Bergung endet die Reise der Netze nicht.
Vom Geisternetz zum zweiten Leben
Was aus einem geborgenen Netz wird, hängt von Material und Zustand ab. Geeignete Netze verarbeitet BRACENET von Hand zu neuen Produkten: Ihre ursprüngliche Struktur bleibt erhalten, daraus entstehen unter anderem Armbänder und Accessoires. Andere Materialien gehen ins Recycling. Nylon ausgedienter Fischernetze kann beispielsweise über das ECONYL®-System zu neuem Nylon-Garn regeneriert werden, aus dem unter anderem Socken oder Bademode entstehen.
In diesem Jahr kommt für einen Teil der geborgenen Netze ein weiterer Weg hinzu: Der Weg in ein Labor. Sie werden zum Forschungsgegenstand.

Abfahrt! Ein Teil der geborgenen Netze ist bereits verstaut. Die Netze riechen übrigens so, wie man denkt, dass sie riechen…
Was steckt eigentlich in einem alten Netz?
Einer, der dieser Frage nachgeht, ist Lars Konrad von der Hochschule Kaiserslautern. Als Projektmitarbeiter am Fachbereich Angewandte Logistik- und Polymerwissenschaften arbeitet er am Forschungsprojekt OceanLFT mit. Gemeinsam mit den Projektpartnern untersucht die Hochschule, wie sich maritime Netze und Seile als Ausgangsmaterial für neue Kunststoffwerkstoffe nutzen lassen.
Dafür entwickelt das Team ein Inline-Analyseverfahren, mit dem sich die Eigenschaften recycelter Polymere während der Verarbeitung untersuchen lassen. Vereinfacht gesagt: Was steckt nach Jahren im Meer noch in einem Netz – und was kann daraus wieder werden?
Die Ausgangslage ist anspruchsvoll. Manche geborgenen Netze könnten laut Konrad deutlich älter als 30 oder 40 Jahre sein, andere seien vergleichsweise neu. Entsprechend unterschiedlich sind die verwendeten Rohstoffe. „Ich würde sagen, da ist alles drin, was man sich so vorstellen kann.“
Erst reinigen, dann verstehen
Bevor daraus etwas Neues entstehen kann, müssen die Netze gereinigt und aufbereitet werden. Gerade dabei sammelt das Projektteam derzeit wichtige Erfahrungen, so Konrad. Für die Hochschule und ihre Partner ist die Verarbeitung von Geisternetzen in dieser Form Neuland. Danach geht es an die Analyse der Polymere und ihre weitere Verarbeitung.
Das Ziel: Aus den aufbereiteten Materialien sollen langglasfaserverstärkte Kunststoffgranulate entstehen. Zunächst wird dafür im Labor ein Verfahren mit etwa 10 bis 30 Kilogramm pro Stunde untersucht. Perspektivisch soll die Technik auf eine Pilotfertigung mit 150 bis 300 Kilogramm pro Stunde übertragen werden. Auch ein automobiles Demonstratorbauteil im Spritzgussverfahren ist vorgesehen.
Noch ist das Zukunftsmusik
Vielleicht wird aus einem geborgenen Netz ein Armband. Vielleicht wird sein Nylon zu neuem Garn. Und vielleicht entsteht daraus irgendwann ein industriell nutzbarer Kunststoff.
OceanLFT läuft bis Oktober 2027. Noch geht es also nicht um ein fertiges Produkt, sondern um die Frage, ob und wie aus den maritimen Kunststoffen ein hochwertiger, industriell nutzbarer Werkstoff werden kann. Sicher ist: Wenn das Geisternetz an Deck liegt, ist seine Geschichte noch lange nicht zu Ende. Aber genau das macht die Geschichte spannend: Was heute als Geisternetz aus der Nordsee kommt, könnte morgen Ausgangspunkt für etwas völlig Neues sein.
Zum Glück gibt es diese besonderen Menschen: Die Taucher, die die Geisternetze bergen und so unsere Meere entlasten und ihre Bewohner retten. Kreative Teams, die aus ‚Abfall‘ Schmuck und Kleidung herstellen. Und wissenshungrige Menschen, wie Lars Konrad, die noch einen Schritt weitergehen und sich die Frage stellen:
Was können wir aus diesem Netz eigentlich noch alles machen?