Drei, zwei, eins – go: Mit Ghost Diving auf der Jagd nach Geisternetzen

„Drei, zwei, eins, go“ – und Alexandra Pischyna fällt rückwärts ins Wasser. Rund 35 Kilogramm Ausrüstung trägt sie dabei auf dem Rücken. Bei tiefen technischen Tauchgängen können es 65 bis 70 Kilogramm sein. Unter ihr: Dunkelheit, Kälte und manchmal nur wenige Zentimeter Sicht. Irgendwo dort unten liegt ein Wrack. Und sehr wahrscheinlich einige Geisternetze.
Fotograf Julian Mühlenhaus fängt ein, was für Alexandra Pischyna Alltag ist - zwischen zwei Welten zu sein.

Alle kommenden Fotos wurden uns von Ghost Diving Germany zur Verfügung gestellt.

Alexandra ist 38, lebt in Bremerhaven und arbeitet als stellvertretende leitende Radiologietechnologin in verschiedenen Kliniken. Zusätzlich gibt sie Strahlenschutzkurse für die Ärztekammer. Klingt nach einer vollen Woche. Und doch ist sie bereits seit 2022 in ihrer Freizeit ehrenamtlich bei Ghost Diving Germany aktiv.

Dass sie dafür so viel Zeit investiert, hat mit einem Gedanken zu tun, der ihre gesamte Geschichte prägt:

„Irgendwann war ich an dem Punkt, dass ich auch relativ gut weiter ausgebildet war und langsam Synapsen in meinem Gehirn frei wurden, wo ich gesagt habe: Okay, ich habe jetzt Kapazitäten, mehr unter Wasser zu machen. Ich möchte nicht nur konsumieren und was unter Wasser sehen und einfach nur tauchen, sondern ich möchte auch irgendwas Gutes tun, irgendwas machen.“

Vom Urlaub auf den Malediven in die Dunkelheit der Nordsee

Zum Tauchen kam Alexandra zunächst aus einem ganz anderen Grund. Nach einer belastenden familiären Zeit wollte sie einfach nur weg – Wasser, Sonne, Ruhe. Auf den Malediven machte sie einen Schnuppertauchgang – und war sofort fasziniert.

„Ich bin mit elf Tauchgängen nach Hause gekommen, habe jeden Abend gelernt, war nur unter Wasser. Und als ich nach Hause kam, hat mich meine beste Freundin gefragt: Sag mal, hast du überhaupt Sonne gesehen?“

Heute ist Alexandra technisch ausgebildete Taucherin, Wrack- und Höhlentaucherin. Für Ghost Diving bedeutet das: nicht einfach nur tauchen, sondern unter Wasser hart arbeiten.

Malediven? Wohl eher Mysteriöses, das gruselt – das Tauchen nach Geisternetzen erfordert mit Sicherheit auch ein (großes) Quäntchen Mut.

Ein Einsatz beginnt lange vor dem ersten Tauchgang

Zunächst werden über Seekarten, frühere Funde und gesammelte Daten mögliche Wracks und Netzpositionen identifiziert. Danach wird das komplette Projekt geplant: Standort, Wassertiefe, Team, Boot, Unterkunft, Ausrüstung und später auch die Entsorgung der geborgenen Netze.

Vier bis sechs Taucher, Skipper und Deckhand sind bei einem Einsatz üblich. Vor dem Start werden Tauchgeräte, Atemgase, Bolzenschneider, Messer und Hebesäcke vorbereitet. Die Taucher arbeiten meist in Zweierteams.

„Wir stellen die Teams so zusammen, dass jeder von den Qualifikationen her zusammen passt und sich ergänzt – zum Beispiel ein alter Hase mit einem neuen Kollegen. Und natürlich fragt man sich vor jedem Tauchgang auch: Ist jeder heute in der Lage dazu? Fühlt sich jeder fit genug, den Tauchgang anzutreten?“

Vorbereitung ist alles – sind alle fit und ist die Ausrüstung komplett, kann es losgehen

Dann geht es hinaus. Manchmal eine halbe Stunde, manchmal eine Stunde bis zum Wrack. Über Sonar wird die Position kontrolliert, die Shotline – eine Leine mit Anker – gesetzt. Sie wird später zum Ab- und Aufstieg genutzt.

Dann geht es ins Wasser.

„Wir sehen teilweise gar nichts mehr“

Unten angekommen, beginnt die eigentliche Arbeit. Die Sicht in deutschen Gewässern kann zwischen wenigen Zentimetern und mehreren Metern liegen. Strömungen können je nach Tiefe unterschiedlich stark sein. Und dann muss das Netz zunächst überhaupt erkannt werden.

„Die sind oft mit Muscheln behangen und dann kann man es nicht ganz vom Wrack unterscheiden: Ist das da ein Netz, oder sind die Muscheln einfach nur am Wrack dran? Das muss man ein bisschen lernen. Und sobald wir ein Netz zu fassen bekommen, sehen wir teilweise gar nichts mehr. Wir tasten dann im Dunkeln, gucken, wo wir schneiden können.“

Grün, braun, grau, schwarz…
Die Sicht ist deutlich eingeschränkt
und erschwert die Bergung.

Denn gleichzeitig darf das historische Wrack nicht beschädigt werden. Deshalb wird nicht einfach gezogen und geschnitten. Die Taucher prüfen, wo das Netz unter Spannung steht, wo sie den ersten Hebesack setzen können und wie sie sich Stück für Stück vorarbeiten.

Wie bekommt man ein schweres Netz nach oben?

Die Lösung klingt simpel, ist aber technisch entscheidend: Hebesäcke.

„Dieser Hebesack ist erst mal leer. Wir setzen ihn am Netz an und geben aus unseren Tauchflaschen Luft für den Auftrieb hinein. So können wir den Hebesack – das kann man sich wie einen Luftballon vorstellen – aufpumpen.“

Je nach Größe kann ein Hebesack 40, 100, oder sogar 1000 Kilogramm tragen. Nach und nach lösen die Taucher das Netz vom Wrack. Dabei wechseln sie sich beim Schneiden ab, denn die Arbeit mit großen Messern und Bolzenschneidern ist nicht zu unterschätzen und körperlich sehr anstrengend.

Ein Einsatz dauert bei normalen Projekten ungefähr eine Stunde. Bei tiefen Projekten können es zwei bis drei Stunden werden. Gearbeitet wird bei Ghost Diving in Deutschland teilweise in rund 50 Metern Tiefe.

Die Arbeit endet nicht am Wrack

Ist das Netz geborgen, beginnt der langsame Rückweg über die Shotline. Je nach Tiefe und Tauchzeit sind Dekompressionsstopps notwendig. Oben angekommen, müssen die Netze allerdings noch aus dem Wasser.

„In den allermeisten Projekten haben wir nur unsere Schlauchboote. Das heißt, da müssen die Netze über die Bordwand hochgezogen werden, Stückchen für Stückchen!“ Beim großen Nordseeprojekt von bessergrün ist das anders: Dort können Fischkutter die geborgenen Netze mit ihren Kränen aufnehmen.

Zunächst helfen noch Hebesäcke – dann ist Frauen- (und Männer-) Power gefragt.

Und dann ist da dieser eine Moment

Bei aller Technik bleiben Alexandra vor allem die Tiere in Erinnerung. Mehrfach konnte sie lebende Tiere aus Netzen befreien – darunter einen großen Dorsch und zuletzt zwei Drachenköpfe.

„Das ist schon ein magischer und wirklich schöner Moment, wenn ich sehe, wie der Fisch einfach wieder wegschwimmt. Auch wenn er panisch wegschwimmt. Aber ich weiß ja: Ich habe jetzt gerade in dem Moment was Gutes getan.“

Für Alexandra ist das die Motivation, immer wieder ins Wasser zu steigen. Auch wenn sie weiß, dass ein einzelnes geborgenes Netz das Problem nicht löst.

„Es ist zwar ein Tropfen auf dem heißen Stein, weil immer wieder neue Netze dazukommen. Aber wenn du dann doch wieder ein größeres Tier oder eigentlich egal, welche Größe das Tier hat, freikriegen kannst, siehst du ja doch, dass was passiert.“

Glückliche Gesichter – Alexandra und ihre Kollegen sind stolz, etwas Gutes für den Meeresschutz getan zu haben.

Nur zusammen ist man stark

Bei aller Kritik an Geisternetzen ist Alexandra eines besonders wichtig: Ghost Diving versteht sich nicht als Gegner der Fischerei.

„Wir sind gar nicht Anti-Fischer oder Fischindustrie, sondern wir arbeiten gerne mit Fischern zusammen. Es ist ein vollwertiger handwerklicher Beruf und der ist auch wichtig. Davon leben die Leute, solange es anständig gemacht wird und im Rahmen.“

Denn auch für Fischer ist ein verlorenes Netz ein Problem – und ein finanzieller Verlust. Viele versuchen deshalb selbst, verlorene Netze wiederzufinden oder melden Netzverluste. Genau diese Zusammenarbeit möchte Alexandra stärken:

„Es ist ganz, ganz wichtig, dass wir zusammenarbeiten, dass die Fischer uns zum Beispiel Netzverluste melden und sagen: Ich habe in dem Gebiet ein Netz verloren, könnt ihr mal schauen, das soll wieder raus. Und dass man einfach miteinander arbeitet. Das ist für uns ganz, ganz wichtig.“

Und so steigt Alexandra immer wieder ins Wasser, holt Geisternetze aus dem Meer und rettet Tieren das Leben. Aus Überzeugung.

Kollegen, Freunde, Retter von Geisternetzen. Gemeinsam ist man stärker.

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